
Tandaradei
(Walther von der Vogelweide)
Unter einer grünen Linden,
wo unsre Luftmatratze was,
da konnt mein Aug manch gut Ding finden –
es duftete nach frischem Gras… Tandaradei…
Doch erst begann ein langes Blasen
bis alle Kammern stramm gefüllt,
denn Liebe auf dem blanken Rasen
wird leicht durch manch Getier gekillt. … Tandaradei…
Ich blus und blus aus voller Lunge,
bis dass die Luftmatratze prall,
dann sprang ich auf: „Was hast du, Junge??“
Sie sah mich wanken – Fall und Knall!!! … Tandaradei…
Vom vielen Pusten war mir schwindlig –
ich knallte vor den Lindenstamm,
grad auf die Nas’, die so empfindlich – – –
und aus dem Springbock ward ein Lamm…
Nix Tandara, nix dei …
Gespenster
(Christian Morgenstern)
Korf erfindet eine Art Gespenster,
ohne dass da weiße Tücher schweben,
nur indem auf jedem Straßenfenster
wildgezackte Pappendeckel kleben:
Fahren Autos spät um Mitternächten,
werfen ihre Lichter schnelle Schatten,
die auf Decken dann Duelle fechten
oder führen schweigende Debatten…
Palmström, dieses sehend, wird noch dreister:
Nur aus Nichts, ganz ohne Material,
formt er viele unsichtbare Geister,
die den Menschen nächtens dann zur Qual…
Weil sie garantiert aus nichts bestehen,
sind sie nicht zu hören, nicht zu schauen – –
doch wenn sie sich nähern und verwehen,
wecken sie ein namenloses Grauen…
In der Traumstadt
(Peter-Paul Althaus)
In der Traumstadt fahren Straßenbahnen
ohne irgendwelche Oberleitung
und der Fachmann spürt ein schwaches Ahnen:
Dies verdient die weiteste Verbreitung!
Doch das Wunder ist nicht übertragbar!
Jede andre Stadt, die dies probierte,
sie blamiert am Ende sich unsagbar,
weil noch keine Bahn sich jemals rührte. In der Traumstadt blüht im Tal Holunder,
doch am Stadtwall, etwas hoch gelegen,
pflanzen alle Gärtner jährlich munter
(nur der Laie sieht dies als ein Wunder)
stets Holoversträucher, bloß
der Logik wegen!
In der Traumstadt gibt’s im Winter Reime,
die sich frostig fast und herbe fügen.
Wenn dieselben Dichter Sommerhonigseime
lüstern schlürfen, legen sie die Keime
zu konträrem, frohem Versvergnügen.
Die Verleger, dieses wissend, legen
keinen Wert auf Winterzeitergüsse,
und nur dieses Phänomenes wegen
neigen die Poeten, sich zu regen
erst durch zarte Sommermusenküsse.
In der Traumstadt, rechts am Platz der Aphrodit’,
steht am Rande eines Brunnens ein Erote,
also eine Putte, und so manche Zote
rankt sich um sein wasserspeiend Glied.
Dieses, und das ist das Unerhörte,
soll in lauen Sommernächten wachsen,
wenn die jungen Mädchen ihre Faxen
mit ihm treiben, was ihn niemals störte.
In der Traumstadt gibt es schmale Straßen,
darin weht die Luft besonders lind.
Selbst im Winter spielt in diesen Gassen,
ohne den Beweggrund je zu fassen,
sommerlich gekleidet jedes Kind.
Kommt ein Mensch von Nachbaravenuen,
pelzbeladen und vom Schnee beflockt,
sieht er in den Kästen dort Reseden blühen,
und es macht ihm nicht geringe Mühen
zu versteh’n, dass hier die Amsel lockt.
Dr. Enzian
(Peter-Paul Althaus)
Dr. Enzian bemüht sich auszuweichen
allen Maßen, die nicht ganz korrekt,
und als Fehlmaß beinah ohnegleichen
hat er das „Dreikäsehoch“ entdeckt.
Dieses Maß, bei Knaben angewendet,
die nicht Säugling mehr noch Jüngling sind,
hat die Wahrheit immer noch geschändet,
den „Dreikäsehoch“, wo gibt es dieses Kind??
Sind’s 3 Emmentaler, flach geschichtet
oder 3 Kartons Bavaria-Blue?
Auch von Edam–Kugeln wird berichtet,
die als Messwerkzeuge sich verpflichtet,
doch sie kullern, statt zu messen, immerzu.
Mein Sohn Heinrich bringt z. B. grade,
was ein Emmentaler hochkant misst
plus 2 Eckchen Camembert (wie schade,
dass der Junge keinen Käse ist)!
Dr. Enzian ist schon seit Jahren
münzensammelnd viel herumgefahren.
Er gestand jedoch noch eine Lücke,
die sich äußerst schwierig schließen lasse,
und zu seinem fast perfekten Sammlerglücke
gar nicht passe.
So durchsucht er alter Frauen Strümpfe,
übersteigt er Zäune und durchwatet Sümpfe,
falls ihm dort an einer Wäscheleine
ein markanter Strumpf ins Auge fällt.
Er durchwühlt ihn und erhofft sich eine
blanke Münze Fersengeld!
Dr. Enzian entwickelt nur geringe Liebe
zum Direktor der Verkehrsbetriebe
Als man ihn entließ, stand es in jeder Zeitung:
Unsre Straßenbahn fährt künftig ohne Oberleitung.
Lichtparodien
Göttlich
(Eugen Roth)
Ein Mensch, sich seiner Nichtigkeit
bewusst, sucht etwas Wichtigkeit
und fragt sich, wie er könnt’ auf Erden
zum Träger höh’rer Würden werden?
Zum Titel Herzog, König, Kaiser,
gar noch Prophete oder Weiser
fehlt einerseits das Elternhaus,
auch ist das Denken ihm ein Graus.
Doch da er leidlich bibelfest,
sucht einfach er im alten Test –
ament und findet gleich die Stelle,
wo’s geht um Dunkelheit und Helle!
Er eilt zum Lampenschalter stracks,
betätigt ihn mit leisem Knacks
und ruft dabei „Es werde Licht!“,
Ist er nun Herrgott – oder nicht??
Dr. Enzian als Karrierist
(Peter-Paul Althaus)
Dr. Enzian, strebend nach besonderen Würden,
die, das war ihm überaus geläufig,
nach der Überwindung hoher Hürden
erst erreichbar, suchte häufig
und mit wechselndem Erfolg Karrieren
zwecks Erreichens anerkannter höh’rer Sphären.
Um sich nicht mit niedern Zielen zu begnügen,
die natürlich leichter zu erreichen,
aber keinerlei Beglückung in sich trügen,
suchet er weit über seinesgleichen:
Er entzündet drum per Streichholz eine Kerze,
spricht dann fordernd aus: „Es werde
Licht!“
Mild bestrahlt in seines Zimmers Schwärze
glaubt er fast, dass er als Herrgott spricht.
Die Kerze
(Friedrich Schiller)
Eingedrücket in den Ständer
steht die Kerze kerzengrad,
heute – steht auf dem Kalender –
dies erfreut den Abendländer,
findet unser Christfest statt.
Von der Kerze Rand
tropft so allerhand
und die zähe Unschlittspeise
ruiniert in alter Weise
rötlich färbend gute Decken,
den Betrachter zu erschrecken.
Wohltätig ist der Kerze Macht,
sofern sie nichts als Licht entfacht,
doch wehe, wenn sie losgelassen,
des Wachses überflüss’ge Massen,
wenn lavagleich sie sich ergießen –
das kann die Hausfrau nur verdrießen.
Leuchtkönig
(J. W.v. Goethe)
Wer leuchtet so spät in dunkler Nacht,
wer hat dort sein Kerzenlicht entfacht,
wer schreitet verklemmet im nächtlichen Hemmed?
Wer suchet voll Schmerzen
die Tür mit dem Herzen?
Du spürst ein Rumoren im untern Gefilde?
Dort quält dich ein Dämon? Jetzt bin ich im Bilde:
Da schlucktest du wohl eine Packung Darmol?
Das wirket entsetzlich am hinteren Pol,
und ist alles andere als milde.
Nachtlied
(Christian Morgenstern)
Zwei Kerzen wandeln durch die Nacht,
die gute Fee hat sie entfacht:
Es leuchten die Flammen
so friedlich beisammen.
Die eine heißt Frieder,
die andere Max.
Da fallet auf Frieder
ein Flöckchen hernieder
und löschet ihn aus –
da weinet der Max lauter Wachs.
Fortschritt
(Kopisch)
Wie war in Köln es doch vordem
in dunklen Nächten unbequem!
Man schlug das Feuer mit dem Cer,
jedoch war feucht of der Zunder!
Jetzt reicht ein kleiner Schalterklick
und helle ist’s im Augenblick…
Heinzelmännchens Wachparade
(Körner)
Was glänzt dort vom Walde im Abendschein,
seh’s näher und näher leuchten,
erhellet romantisch des Feldes Rain,
das müssen die Wichtelmänner wohl sein,
im Wiesentaue, dem feuchten:
Und wenn ihr die kleinen Gesellen fragt:
„Das ist –
unser Geheimnis, kein Wort wird darüber gesagt!“
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